Kettenhemd selber machen

Ob Tunika, Topfhelm oder Brogans, hier wird es gezeigt und diskutiert.

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Kettenhemd selber machen

Beitragvon voenk am So 28. Jul 2013, 19:39

Hallo zusammen,

Da meine HMS Victory nur noch betakelt werden muss und auch die HMS Endeavour bald das Trockendock verlaesst, bin ich auf der Suche nach einem neuen Zeitvertrieb :smt069

Mir waere dem Sinn nach einem Kettemhemd, vernietet. Hat wer Erfahrung diesbezueglich? Zeit und Geduld hab ich, die Endeavour brauchte zwei Jahre...

Gerald von Ameningen baut sich eines, wie gehts bei dir?

Alternativ tausche ich auch historisches Modellschiff aus Holz in Handarbeit (50-70 cm, je nach Modell) gegen vernietetes, handgemachtes Kettenhemd :smt052

Euch einen guten Wochenstart!
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Re: Kettenhemd selber machen

Beitragvon Seegras am Mo 29. Jul 2013, 13:02

Weniger als zwei Jahre ;) Halbes Jahr hab ich mal gehört.
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Re: Kettenhemd selber machen

Beitragvon Gerald von Ameningen am Di 30. Jul 2013, 12:38

Ich habe mir vor vielen Jahren mein Ringpanzerhemd mit angesetzter Haube und Fäustlingen und dazu passende Eisenhosen aus Ringgeflecht gemacht, allerdings mit unvernieteten Ringen, die ich ebenfalls selbst hergestellt habe. Die Besonderheit daran ist der Wechsel der Ringlage zwischen Körper und Armen durch schräg laufende Nähte (ähnlich dem Raglan-Schnitt).

Die Technik der Herstellung unvernieteter Ringe und des Flechtens ist sehr schnell gelernt. Das Schwierige war für mich das Schnittmuster zu finden, bei dem die Ringe im Achselbereich nicht zu sehr belastet werden. Da habe ich mindestens fünfmal die Ärmel wieder weggemacht, angepasst und wieder probiert. Das vor dem Ringpanzerhemd der Gambeson fertig sein muss, sollte nicht unerwähnt bleiben. Diesen lustigen Fehler habe ich nämlich auch gemacht und durfte das Panzerhemd anschliessend noch mal anpassen.

Im Laufe der Zeit wurden vernietete Rinpanzerhemden erstaunlich preiswert und somit Standard. Deshalb und weil ich es satt hatte, nach jedem Auftritt die Löcher in den Achseln meines Ringpanzerhemdes zu flicken, begann ich letzten Sommer mit meinem neuen Ringpanzerhemd aus abwechselnd gestanzten und vernieteten Ringen. Dieser Mix macht das Hemd bei höherer Festigkeit leichter und reduziert den Aufwand erheblich. Ausserdem sind die gestantzten Ringe billiger als die genieteten. Das Schnittmuster konnte ich vom bestehenden Ringpanzerhemd übernehmen. Dachte ich.

Die Herstellung vernieteter Ringe ist für mich wegen der erforderlichen Überlappung, dem Abflachen der Nietfläche, dem Lochen und vor allem der Herstellung der Niete unverhältnismässig aufwendig. Die gestanzten Ringe sind nicht ganz so aufwendig in der Herstellung, wenn man sich ein entsprechendes Werkzeug anfertigt. Allerdings gibt es einen ziemlich hohen Anteil an Stanzabfall. Immerhin brauche ich für meinen Panzer über je 15'000 gestanzte und vernietete Ringe. Nach langen Versuchen, die Herstellung zu vereinfachen, habe ich kapituliert und wegen des unverhältnismässig hohen Aufwands auf die Herstellung der Ringe verzichtet. Ich habe die Ringe bei Battlemerchant besorgt. Die Qualität ist zwar unterirdisch schlecht, aber ich habe die guten Ringe aussortiert und für die stark belasteten Zonen genommen, den Rest für die weniger stark belasteten Zonen..

Das neue Ringpanzerhemd ist fertig geflochten und etwa zur Hälfte vernietet. Ich verniete mit einer selbst angefertigten Nietzange, weil die von Battlemerchant unbrauchbar ist. Das Schnittmuster habe ich auch noch geändert, weil ich mich - diesmal gerade noch rechtzeitig - entschlossen habe, einen neuen Gambeson aus mehreren Lagen festem Leine zu nähen. Er liegt enger an, somit ist auch das Ringpanzerhemd kleiner gehalten.

Wenn ich mir mein neues Ringpanzerhemd anschaue, freue ich mich am Anblick. Ob ich mir das aber noch einmal antun würde, glaube ich kaum. Die losen Ringe kosten allein schon über die Hälfte eines fertigen Hemdes, allerdings ohne Haube und ohne Fäustlinge, und der Arbeitsaufwand liegt jenseits von 400 Stunden. Wenn ich die Ringe und Nieten auch noch machen würde, kämen locker noch mal geschätzte 100 Stunden dazu.


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Re: Kettenhemd selber machen

Beitragvon voenk am Di 30. Jul 2013, 23:05

Wow, Merci für deine Antwort und deine Erfahrung!

Die Zange von Battlemearchant ist für den *ups*? Die wollte ich mir eigentlich besorgen :-k Meinst du, dass deine Zange einfach ein Montagsmodell war oder ist die generell nicht über alle Zweifel erhaben? Das mit den vielen Ausschussringen habe ich jetzt schon öfters gelesen, klingt nicht besonders. Die Materialkosten sind ja nicht gerade billig, für das man die hälfte weg werfen kann. Auf jeden Fall sieht man hier wieder eindeutig, wie wertvoll, was für ein Statussymbol so ein Kettenhemd gewesen sein muss. Wäre schon cooler, ein selber gemachtes zu besitzen, da es durch die Wertsteigerung ("Arbeitszeit" eines Mitteleuropäers) an Authentizität gewinnen würde...

Oder einfach auf faule Socke machen und 574 Euronen in die Hand nehmen...

http://www.armamentum.de/epages/6312576 ... 125-OIL-LA

Der Mensch hier hat eine nette Methode den Draht aufzuwurmen, aber die sind dann noch nicht gestanzt etc.

http://www.youtube.com/watch?v=oqkUkJWCwYY
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Re: Kettenhemd selber machen

Beitragvon Gerald von Ameningen am Mi 31. Jul 2013, 08:43

Ja, der Mann ist gut. Ich bin gespannt, welches Maschinchen er sich für vernietete Ringe einfallen lassen würde. Da ist die erste Schwierigkeit, dass die Ringenden sich überlappen müssen. Danach wird diese Überlappung plattgedrückt oder -geschlagen, wobei sich diese Stelle verbreitert. Mitten darin hinein muss dann das Loch für den Niet.

Die gestanzten Ringe werden, ähnlich wie beim Weihnachtsplätzchen backen, mit einem Stanzeisen aus einem Blech herausgestanzt, nicht aus einem Draht gebogen. Daher dann auch der hohe Stanzabfall.

Ich halte Deine Idee, ein bisschen Geld zu investieren für gut. Du kannst immer noch das gekaufte Hemd bei Bedarf anpassen. Im Vergleich zu der Arbeitszeit ist der Preis lächerlich. Sarwürken ist wirklich ein "Ein-Euro" Job - wenn Du gut und schnell bist.

Ich habe auch schon von Anderen gehört, dass die Nietzange von BM Schrott ist, meine ist da kein Einzelfall,


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Re: Kettenhemd selber machen

Beitragvon voenk am Mi 31. Jul 2013, 12:48

Ok, dann werde ich wohl die Zange eher nicht kaufen… Mal eine kleinliche Frage, ist Stanzen historisch, wurde das so angewendet? Ich bin immer noch hin und hergerissen, Preis/Leistung (kaufen) vs. Stolz/ realer Wert (Stolz auf die Arbeit und den „Preis“ meiner Arbeitszeit). Da der höhere Wert, wenn ich es sarwürken würde, das Kettendhemd authentischer machen würde, wäre dies eigentlich sehr reizvoll…

Werde wohl eh erst den Aketon fertig schneidern müssen (für die Masse und Schnittmuster), dabei habe ich Zeit darüber nachzudenken.
:-k
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Re: Kettenhemd selber machen

Beitragvon Gerald von Ameningen am Do 8. Aug 2013, 15:54

Ausgerechnet für das 13. Jhd. gibt es bis dato keinen Fund von Ringpanzerhemden mit gestanzten Ringen, lediglich für davor und danach. Siehe auch hier:http://lebendige-geschichte.ch/viewtopic.php?f=1&t=5453

Mit nur genieteten Ringen bist Du also auf der sicheren Seite.


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Re: Kettenhemd selber machen

Beitragvon SchweizFan am Di 20. Aug 2013, 09:52

Ich habe mir auch ein Kettenhemd selber gefertigt aus Flachringen gestanzt und zum vernieten (beide Ringsorten nach und nach bestellt).
Habe mit Pause dazwischen 2 Jahre gebraucht. Allerdings sind kaum Ringe bisher vernietet, da 2 bestellte Nietenzangen totaler Scheiß waren.
Hab mir vor kurzem eine neue Nietzange von einem polnischen Händler auf einem Markt mit ausprobieren geholt, die auch funzt.
Also jetzt über Winter 35.000 Nieten vernieten! :smt022

Meine Erfahrung:
1. 30 bis 40 % der Ringe konnte man entsorgen, da schlechte Qualität.
2. aber die schlechten Ringe sind bei billigen Kettenhemden aus Indien mit verarbeitet
3. ölverschmierte und zerschnittene Finger vom Flechten
4. stolze Brust, wenn man es selbst gefertigt hat :smt041

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Re: Kettenhemd selber machen

Beitragvon voenk am Di 20. Aug 2013, 10:14

SchweizFan hat geschrieben:2. aber die schlechten Ringe sind bei billigen Kettenhemden aus Indien mit verarbeitet


Naja, man muss ja eh ständig ausbessern/ flicken, also kann man ja die schlechten fortlaufend durch "gute" verbessern...

SchweizFan hat geschrieben:4. stolze Brust, wenn man es selbst gefertigt hat


Das kann ich mir denken ;-)
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