Unbekannter Schweizer Tschako

Du nicht weisst was es ist, schreibs hier ein.

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Unbekannter Schweizer Tschako

Beitragvon marc54 am Di 9. Okt 2007, 18:52

Ich habe heute ein mir unbekanntes Tschako zugelegt. Von der Form her, könnte es sich um ein Tschako der Ordonnanz 1861 oder 1852 handeln. Leider konnte ich in meiner Literatur nichts konkretes finden. Vielleicht kann mir jemand von Euch weiterhelfen.


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Beitragvon troupier suisse am Di 9. Okt 2007, 21:13

Ich wag' mich mal auf die Äste hinaus und behaupte dass dies ein vergewaltigter Tschako Ordonnanz 1852 (evt.1842) ist. Der Sonnenschild mit Nummer stammt von einer Infanterieeinheit (evt. Infanterie Bataillon 11 Zürich), während die platzende Granate in der Garnitur meiner Ansicht nach sicher nicht zu diesem Tschako gehört, denn hier müsste eine Blechganse mit kantonaler Kokarde hin und nicht ein Artillerie- oder allenfalls Grenadierinsignium.

Eine authentische (wenn auch bezüglich Kokarde und Nummer unkorrekte) Garnitur zeigt dieses Bild:

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Ausserdem ragt diese überdimensionierte Granate mit den Flammen grausig über den Tschakodeckel hinaus und verhindert so dass der geflammte Pompon überhaupt korrekt gesetzt werden kann. Irgend ein Juxbruder hat in einer Bastelstunde mit einer Allerweltsgranate aus der Ramschbüxe den vermutlich unvollständigen Tschako brutal "verschönert". Ich hoffe Du hast nicht allzuviel dafür bezahlt.

Der Pompon selbst scheint mir auch ein spezielles Produkt zu sein, aber da warten wir lieber Dr.Traingelos Diagnose ab. Vielleicht macht er heute noch einen Hausbesuch in diesem Thread.
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Beitragvon four am Di 9. Okt 2007, 21:28

tja, also ich stimme da troupier voll zu, obwohl diese epoche (1852) nicht unbedingt zu meinem spezialgebiet gehört. aber es ist für mich klar, dass diese überdimensionale granate nie und nimmer zur infanterie sonne gehört; zürcher auszugsbataillon 11 ist zutreffend, kant. kokarde und ganse fehlen hier. artillerie hatte damals gekreuzte kanonenrohr-garnitur und auch eine kantonale kokarde, feuerwerker glaublich eine äusserst kleine granate als garnitur. über den pompon will ich mich nicht weiter äussern; da gab es ja so allerei kantonales. aber wirklich koscher sieht mir das stück hier auch nicht aus.....warten wir "dr. traingelo's" urteil ab....
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Beitragvon troupier suisse am Di 9. Okt 2007, 21:44

Genau, bei Artillerietschakos Ord.1852 gehören gekreuzte Kanonenrohre auf die Garnitur. So grosse Feuertöpfe sind mir allenfalls von Berner Artillerietaschkos der 1820er Jahre bekannt (wobei bei denen das Flammenmuster etwas anders ist), aber bei einem 1842er oder erst recht bei einem 1852er hat ein so grosses Zierstück nichts verloren. Die Machart des Pompons könnte ein Indiz für einen Offizierspompon sein. Die Drittelteilung zwischen weiss und rot im Pompon kommt mir auch kurios vor (evt. was kantonales) aber diese Untersuchung überlass ich lieber unserer Forenkompetenz.
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Beitragvon Traingelo am Mi 10. Okt 2007, 06:25

Nun denn, hier die Diagnose von Dr. Traingelo:
Der Tubus stammt aus der Zeit von 1842 bis 1852, später wurde, wie das damals üblich war, das neue Abzeichzen ("Sonne") von 1852 drauf montiert. Soweit ist allles in Ordnung. Die Granate und der Pompon gehören aber sicher nicht dazu, es sind Teile einer Ganritur eines kantonalen Tschakos vor 1842.
Vorschlag: Granate und Pompon entfernen, dafür Ganse und Kokarde montieren (vielleicht habe ich noch eine, schick mir mal ein PM) und den Pompons gelegentlich durch einen Infanterie-Pompons aus Wolle ersetzen:
weisse Kugel mit roter Flamme = 1. Kompanie
schwarze Kugel mit roter Flamme = 2. Kompanie
gelbe Kugel mit roter Flamme = 3. Kompanie
blaue Kugel mit roter Flamme = 4. Kompanie
grüne Kugel mit roter Flamme = Jägerkompanien
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Beitragvon marc54 am Mi 10. Okt 2007, 09:33

Besten Dank für Eure Antworten!
Ich habe nach der Durchsicht der Werke von Burlet und Bigler doch auch das Gefühl gehabt, dass da etwas nicht stimmt. Zudem kommt noch dazu, dass ich mich doch mehr mit Uniformen ab der Ordonnanz 1898 beschäftige.
Das "verbastelte" Tschako stammt aus einer Hausräumung, und ich konnte es wirklich günstig erwerben, sonst wäre es vermutlich im Abfall gelandet....

Nun ja, wenn ich irgendwie an die passende Kokarde und Ganse gelangen könnte, würde ich den Tschako gerne wieder in den ursprünglichen Zustand umbauen. (Traingelo ich schicke Dir noch eine PM...)

Auf jeden Fall nochmals besten Dank für Eure lehrreichen Informationen!
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Beitragvon Parabellum am Mi 10. Okt 2007, 10:57

Auf den Photos sieht das Material recht schön aus. Wie sieht der Tschako denn innen aus? Sicher ein gute Basis für eine Redekoration.

Früher wurden solche Uniformteile gerne für Kostümierungen und Fasnacht "misbraucht" evt. auch für Dorfmusiken etc. Das hat den Nachteil, dass sie verbastelt wurden - gleichzeit aber den Vorteil, dass sie wenigstens erhalten blieben.
Zuletzt geändert von Parabellum am Mi 10. Okt 2007, 10:59, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon troupier suisse am Mi 10. Okt 2007, 10:58

Wenn das gute Stück aus einer Räumung stammt und nicht teuer war, hält sich die Tragödie in Grenzen. Und ich denke hier ist ein wenig wiederherstellende Chirurgie durchaus akzeptabel. Es geht ja nicht drum einen gemeinen Füsiliertschako zum Sappeuroffizier zu veredeln, sondern ihm sein altes Gesicht zurückzugeben.

Immerhin ist es nicht abwägig dass dieser Tschako Modell 1842 eines Zürcher Bataillons (das Bataillon 11 trug schon 1847 vor der neuen Truppenordnung diese Nummer) bereits mit der Division Ziegler im Sonderbundskrieg war. Und die kompetente Hand von Dr.Traingelo hat mir auch beim Wiederherstellen dieses Tschakos geholfen:

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Re: Unbekannte Schweizer Tschako

Beitragvon troupier suisse am Sa 8. Mär 2014, 10:51

Die Abteilung zu den Tschakos der Schweizer Armee auf der Website von Rost & Grünspan wurde mittlerweile erweitert. So sind nun auch die Modelle 1846 und 1852 vertreten, die hier angesprochen werden. Einfach Bild unten anklicken um auf die Seite zu gelangen:

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