Theaterkritiken

Was demnächst im Kino, Fernsehen & Theater läuft oder gerade gelaufen ist.

Theaterkritiken

Beitragvon Elwing am Fr 8. Mai 2009, 20:46

Ich hoff mal das darf auch in dieses Forum - ich hab gedacht, da doch einige gerne ab und zu ins Theater gehen wäre ein Thread dazu ganz nützlich? So dass man vielleicht im Falle eines Falles vorgewarnt ist :smt002

Ich mach mal den Anfang mit dem was ich zuletzt gesehen hab:

LA SYLPHIDE - Opernhaus Zürich
Wunderschönes klassisches Ballett wie es sich gehört, Choreographie von Kobborg nach Bournonville. Was zum Reinsitzen, abschalten und sich verzaubern lassen, wunderschöne Kostüme und Bühnenbild (im 1.Akt alle im Kilt, klassisch-romantisches "Ballet blanc" im 2. =D> ) und erstklassige Tänzer. Diese Saison wird es noch 3x gespielt :smt001

WÄRE HEUTE GESTERN UND MORGEN JETZT - Opernhaus Zürich
Ein Ballett ohne Handlung zu Musik von Bach (u.a. Brandenburgisches Konzert und Magnificat) Die Musik wird in Tanz übersetzt, wieder mit den besten Tänzern die das Opernhaus zu bieten hat. Yen Han, Arman Grigoryan und Vahe Martirosyan - unbedingt ansehen!

AGRIPPINA - Opernhaus Zürich
Mmmmnaja - eigentlich müsste man das Stück 2x ansehen, einmal mit und einmal ohne Ton. Eine wahre Kostümschlacht mit aufwendigsten Kleidern und einem durch die Drehbühne äusserst abwechslungsreichen Bühnenbild - das ist der Teil fürs Auge. Nur leider passt der so gar nicht mit dem fürs Ohr zusammen... Die Kostüme und auch das Bühnenbild sind Stil Edel-Rocky-Horror/Bondage/Luxusbordell/Frankensteinlabor, die Musik allerdings astreiner Händel. Passt wie die Faust aufs Auge.
Die Sänger sind hervorragend, Vesselina Kasarova als intrigante Giftspritze Agrippina und Marijana Mijanovic als Ottone sind umwerfend (Mijanovic nimmt man die Rolle voll ab, wenn mans nicht wüsste und an der Stimme hören würde könnte da auch ein junger Mann stehen) Laszlo Polgar als alter Lüstling kommt auch gut, und Eva Liebau als Poppea überzeugt auch. Die Hofschranzen Pallando und Narcise fallen in meinen Augen etwas ab, auch von Anna Bonitatibus als rotzlöfflliger Nero hätt ich etwas mehr erwartet. Aber vielleicht war sie ja auch gesundheitlich angeschlagen heute, die Sänger seuchen sich reihenweise durch im Moment.
Fazit - absolut hörenswert und von der schauspielerischen Leistung und den Kostümen auch sehenswert - für die Inszenierung gehört der Regisseur meiner Meinung nach allerdings mal in Logik- und Geschichtsunterricht geschickt, es passt einfach nicht zusammen. Aber vielleicht bin ich auch nur ein zu grosser Kulturbanause um zu verstehen, wieso Agrippina ihre Zweifel und Hoffnungen, dass die Intrige doch noch gelingt, in einem Schlachthaus zwischen Rinderhälften äussern muss, worauf sich Pallando und Narcise mit Kettensäge und Fleischerbeil attackieren...
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Beitragvon Hagelhans am Fr 8. Mai 2009, 20:55

Ein Grund weswegen ich solche Inszenierungen im Opernhaus Zürich meide ist der, dass ich mir keinen teuren Platz leisten kann und von den billigen Plätzen aus ist mir die Distanz zu gross um faule Eier bis auf die Bühne schmeissen zu können.
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Beitragvon Elwing am Sa 9. Mai 2009, 00:23

Ich hab das Ticket nicht kaufen müssen :smt002
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Beitragvon Elwing am Fr 5. Jun 2009, 20:07

Wiedermal was Sehenswertes - CAVALLERIA RUSTICANA und PAGLIACCI. Beide Inszenierungen sind wie aus einem dieser Italienischen Filme (à la Cinema Paradiso, Il ladro di bambini etc) herausgegriffen - und ich weiss jetzt glaub wo Rota und Morricone sich inspiriert haben :smt002 Cavalleria kommt im 30er Jahre, Pagliacci im 50er Look. Beides Mal hat Grischa Asagaroff Regie geführt, und ich muss sagen, das ist jetzt einer der wenigen Regisseure, der ein Stück "modern" auf die Bühne bringen kann ohne den ganzen Psycho-Selbstverwirklichungs-Klamauk, sondern einfach das Stück für sich sprechen lässt, den Chor und die Solisten gut einsetzt, nicht zu viel und nicht zu wenig Bühnenbild, keine spinnerten Kostümeskapaden - einfach gut.
Die Sänger sind auch toll, besonders Jose Cura als Canio in Pagliacci überzeugt 100% (als Turiddu in Cavalleria fand ich ihn schon etwas zu alt, und er hat auch noch etwas scheppernd getönt. Startschwierigkeiten?)
Fazit - trotz den unglücklichen Enden äusserst sehenswert!
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Beitragvon Hagelhans am Fr 5. Jun 2009, 20:50

Oha! Jose Cura? Der Argentienier von Weltklasse?
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Beitragvon Elwing am So 7. Jun 2009, 16:25

Genau der. Und er ist WIRKLICH gut =D>
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Beitragvon Elwing am Fr 26. Jun 2009, 18:10

Schon wieder was Neues - COSI FAN TUTTE

Zur Abwechlsung mal wieder eine Inszenierung, wo einer wirklich gekonnt klassisch und modern gemischt hat. Ein eigentlich zeitloses Bühnenbild, sehr schön anzuschauende Anglaisen für die drei Damen (über die historische Korrektheit vor allem der Hochzeitskleider lässt sich streiten, aber es sieht zumindest für das Laienauge seeeehr historisch aus :smt002 - und die Rückenfalten sind alle von Hand runtergenäht, da hat die Kostümbildnerin drauf bestanden :smt001 ) und für die Herren eigentlich ziemlich zeitlose, aber doch in der gleichen Zeit wie die Damen inspirierte Kostüme.
Die Inszenierung ist echt witzig, ohne allerdings in Klamauk und "Witze" unter der Gürtellinie auszuarten, die Sänger (Anna Bonitatibus, Malin Hartelius, Martina Jankova, Javier Camarena, Ruen Drole und Oliver Widmer) machen ihre Sache ausnahmslos sehr gut und man sieht ihnen auch an, dass sie Spass dabei haben. Und am Schluss gibts noch eine kleine Überraschung... Also durch und durch sehenswert =D>
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Re: Theaterkritiken

Beitragvon Elwing am Fr 26. Mär 2010, 16:00

Ich zerr das mal wieder hoch, es gibt etwas Neues zu berichten :smt001

HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN
Eine neue Fassung, mit frisch "ausgegrabenem" Material (der gute Herr Offenbach starb ja bevor die Oper fertig war, drum ist sie immer mehr oder weniger ein Gebastel, und jetzt haben sie wieder neues Material gefunden, was de Oper dem ähnlicher machen soll wie sie ursprünglich geplant war) Die Regie hatte wieder Grischa Asagaroff - und ich fands schlicht TOLL. Genau das, was die meisten Kritiken verrissen haben hat mir so gefallen, mal einfach was Schönes zum Schauen, ohne diesen ganzen so gern gebrauchten Psycho- und Interpretationsklamauk. Nicht zuletzt sind natürlich auch die Sänger "schuld" dran dass es so gut ist, Vittorio Grigolo als Hoffmann spielt super (dass er schön singen kann weiss man ja schon länger, nur dass er auch so gut spielen kann ist neu, der eitle Pfau :smt002 ) und Elena Mosuc als alle 4 Frauen(!!) ist umwerfend, gesanglich wie darstellerisch. (Leider hat sie sich nach der Generalprobe erst mal mit Stimmbandentzündung ins Bett gelegt und es musste blitzschnell für Ersatz gesorgt werden, aber sie hatte eigetnlich fest vor, mit Erlaubnis des Arztes dieses Wochenende wieder zu singen) Laurent Naouri als "Teufel" und Michelle Breedt als Muse sind auch sehenswert. Alles in allem ein echt lohnendes Stück, die 3 1/2 Stunden vergehen wie im Flug :smt001

FRANK BRIDGE VARIATIONS / DER FEUERVOGEL
Und noch ein Ballett - oder besser gesagt 2 verschiedene kurze. Die Frank Bridges Variations von Benjamin Britten sind auch mit moderner Choreographie, sichtbar gemachte Musik (Choreographie von Hans van Manen) In bekannter (und erwarteter :smt002 ) Zürcher Qualität :smt041
Der Feuervogel von Igor Stawinsky kommt in einer neuen CHoreographie von Heinz Spörli, und auch in moderner Ausstattung. Nichts mehr von dem ursprünglichen Bakst-Prunk, aber die Modernisierung ist durchaus gelungen. Wirklcih herausragend machen das Stück aber die 3 Hauptsolisten, Aliya Tanykpayeva als Feuervogel, Arsen Mehrabyan als Iwan Zarewitsch und Arman Grigoryan als böser Zauberer Kastschei - die drei sind echt zum niederknien gut :smt055 Wer modernes Ballett mag sollte damit recht glücklich werden :smt002
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Re: Theaterkritiken

Beitragvon Elwing am Do 22. Apr 2010, 18:57

LUSA MILLER
Wieder eine Verdioper - und wieder eine mit einer meiner Meinung nach sehr gelungenen Inszenierung. Arm und reich sind auch im Bühnenbild gegenübergestellt, welches durch das bewegliche Drehelement in der Mitte sehr wandelbar wird. Auch die Kostüme (Rokoko - besser gesagt italienisches Theaterrokoko, sieht sehr schön aus, die historische Korrektheit geht je nach Kostümbildner mehr oder weniger baden) passen in diese gegensätzlichen Welten, die Armen sind mattgrau und die Reichen strahlend weiss. Der Bösewicht Wurm trägt als einziger eine Farbe, Purpurrot/violett. Von den Sängern haben mir die beiden Väter - Laszlo Polgar als Walter, Leo Nucci als Miller - und Ruben Drole als Wurm sehr gut gefallen, von den beiden "Stars" Barbara Frittoli als Luisa und Fabio Armiliato als Rodolfo hätte ich ihrem Ruf zufolge eigentlich mehr erwartet. Aber vielleicht (hoffentlich, sonst wärs wirklich dürftig) haben sie in der Generalprobe ja nicht ganz ausgesungen... Die 2.5 Stunden sind jedenfalls sehr schnell vergangen mit dieser modernen, aber doch nicht "vermodernisierten" Inszenierung :smt001

BLAUBART
Eine Offenbachoperette (Parodie auf das Blaubart-Märchen) aufgeführt vom IOS (Internationales Opernstudio, ein Praktikum und Karrieresprungbrett für junge Sänger). Echt witzig, alle spielen sehr gut und auch mit sichtbarer Begeisterung. Kostüme und Ausstattung sind zeitlos/modern/phantastisch und als Gesamtbild sehr stimmig (köstlich der Willy-Wonka-Blaubart und der Pete-Doherty-König :smt042 ) Lohnt sich :smt002
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Re: Theaterkritiken

Beitragvon Elwing am Mi 12. Mai 2010, 17:39

DER FERNE KLANG
Als vorlatztes Stück in dieser Saison was "neueres" - Schrekers "Der Ferne Klang" (Anfang 20.Jhdt) Das Stück ist keine klassische Oper, sondern mehr eine Schauspieloper, eine Mischung aus Schauspiel und Oper, auch mit gesprochenem Text. Die Musik erinnert teilweise an Filmmusik, sehr lautmalerisch. Die Geschichte ist auch nichts weltbewegend Neues - ein armer Komponist verlässt seine Freundin um in der Welt seine Musik (eben den fernen Klang) zu finden, sie gerät auf die schiefe Bahn, nach Jahren treffen sie sich in einem Edelbordell wieder und er verstösst sie erneut, mit einer Dirne will er nichts zu tun haben. Wieder Jahre später, beide sind schon alt, treffen sie sich wieder bei der Uraufführung seines neuen Stücks, beide alt und vom Leben gezeichnet, sie vergeben einander und er stirbt in ihren Armen.
Wirklich sehenswert wird das Stück durch die Inszenierung und die Sänger, die schlicht und einfach super sind. Juliane Banse und Roberto Sacca als Liebespaar nimmt man sowohl die fast-noch-Teenager, die mitten im Leben stehenden als auch die Alten, Verbrauchten völlig ab. Nicht zuletzt ein Verdienst der grossartigen Maske, aber auch die ganze Körpersprache ist wirklich "alt" Vom Setting her haben sie die Geshcichte in unsere Zeit geholt, in den 50ern sind sie jung, in den 70ern Erwachsene (eine sehr gekonnte ilieustudie, dieser Akt im Edelbordell, so richtig bäh-eklig-schmierig wie es sein soll) und heute sind sie alt. Die Inszenierung kommt zudem ohne alles Übertriebene, betont interpretierende/psychologisierende aus, wodurch moderne Inszenierungen ja leider oft verdorben werden.
Trotz dem traurigen Ende absolut empfehlenswert!!
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