Daguerreotypien von der Sammlerbörse 2008 in Basel

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Daguerreotypien von der Sammlerbörse 2008 in Basel

Beitragvon troupier suisse am So 2. Nov 2008, 19:43

Daguerreotypien von der 33. Sammlerbörse in Basel

Inmitten des Trubels der Herbstmesse fand am 1. und 2. November 2008 die Sammlerbörse in Basel statt. An beiden Tagen hat es mich zu den Basler Messehallen gezogen, und ich habe mir mein Archiv mit einer kleinen Kollektion an Daguerreotypien bereichert. Diese Erzeugnisse des photographschen Verfahrens von Louis Daguerre haben mich schon immer fasziniert; unter anderem weil es Unikate sind.

Bei einer Daguerreotypie wird das Motiv auf der Oberfläche einer speziell beschichteten Kupferplatte abgelichtet. Am Ende des komplexen Entwicklungsprozesses stand jeweils eine monochrome positive Abbildung die allerdings seitenverkehrt wiedergegeben wurde. Vervielfältigungen des Bildes wie bei späteren Verfahren waren nicht möglich. Damit ist jede Daguerreotypie ein Unikat welches zum Beispiel bei einem Portrait sich im Moment der Ablichtung im selben Raum mit der abgebildeten Person befand und deren Erscheinung direkt aufnahm.

Das ab 1835 von Daguerre entwickelte Verfahren wurde ab 1839 zunehmend kommerziell genutzt. Eine Daguerreotypie war erheblich billiger als ein Gemälde und absolut naturgetreu. Letzteres auch weil das Verfahren ausserordentlich detailierte Wiedergaben hervorbrachte. Die Wahrhaftigkeit der Aufnahmen waren indes nicht allen Abgebildeten recht; denn dort wo bislang ein guter Maler mit dem Pinsel idealisierend eingriff, hielt die Linse der Kamera jede Warze brutal fest.

Immerhin wurden viele Daguerreotypen mehr oder weniger aufwendig nachkoloriert, womit ein bisschen Kosmetik möglich war. Archaische Visagen liessen sich so allerdings nicht schönzaubern. Die Daguerreotypie hat eine sehr sensible beschichtete Oberfläche und ist nicht wischfest. Aus diesem Grund sind solche Bilder allgemein gut geschützt hinter Glas (oft mit kunstvollen Rahmen) und in lederbezogene Etuis gefasst worden.

Zu Beginn der 1860er Jahre wurde die Daguerreotypie durch fortgeschrittenere Techniken verdrängt. Ich hatte die Gelegenheit für insgesamt Franken 450.- drei Daguerreotypien an drei verschiedenen Ständen der Börse erwerben zu können. Das untenstehende Bild zeigt meine drei Neuerwerbungen die um 1850 entstanden sind. Da die behandelten Platten von Daguerreotypien eine spiegelnde Oberfläche habe, ist das Motiv nur bei entsprechenden Licht und bei Betrachtung aus einem bestimmten Winkel als klares Positiv zu sehen.

Daher sind die Aufnahmen vergrössert nochmals im Detail wiedergegeben. Allerdings werden auch diese vergrösserten Bildauschnitte der Qualität der Aufnahmen nicht gerecht. In Natura sind diese Bilder trotz Verfärbungen und Verschmutzungen ein echtes Seherlebnis. Alle drei Aufnahmen haben leider keine Signaturen, die einen Rückschluss auf den Daguerreotypisten zuliessen. So werden die abgebildeten Personen wohl ewig unbekannt bleiben, was meiner Liebe zu diesen Stücken keinen Abbruch tut.


Bild

Bild A zeigt ein interessantes Motiv - ein Säugling auf dem Schoss seiner Mutter. Das Kleidchen ist zwar etwas plump koloriert. Aber ein Baby in wachem Zustand das direkt in die Kamera blickt ist für eine Daguerreotypie etwas Besonderes. Dies weil Aufnahmen mit so kleinen Kindern wegen der langen Belichtungszeiten und des nötigen Stillhaltens sehr heikel waren. Daher weist das Bild bei den Händen des Kindes leichte Unschärfen auf. Die haltende Hand der Mutter ist im Gegenzug ruhig und scharf.

Bild B zeigt einen etwa zehnjährigen Knaben. Das Original lässt jede Falte in seiner Weste und jede Strähne seines Scheitels erkennen. Seine linke Hand hat er bei der Aufnahme offenbar nicht so still gehalten wie seine Rechte. Und glaubt ja nicht ich hätte mich vertan weil auf dem Bild doch seine rechte Hand unten leicht unscharf ist. Man bedenke dass die Daguerreotypie seitenverkehrt ist, also ist es wirklich seine Linke die rumgezappelt hat. Die Knöpfe der Weste sind mit Staubgold koloriert.

Bild C zeigt ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen. Das Original offenbart jede Finesse des Gesichts und des dunklen Seidenkleids. Gesicht und Haarschleife weisen Kolorierungen auf. Ebenso wurde die Kragenbrosche mit Staubgold hervorgehoben. Wegen ihres verhaltenen Lächelns habe die die Unbekannte zu meiner hauseigenen Mona Lisa erhoben. Man beachte den Mitte des 19.Jh verbreiteten Mittelscheitel, der heute nicht mehr so ansprechend wirkt.



Eine interessante Website zum Thema gibt es hier: http://www.daguerreotype-gallery.de/
Die Welt ist eine Bühne, aber das Stück ist schlecht besetzt. (Oscar Wilde)
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Beitragvon Napoleon am Mo 3. Nov 2008, 07:03

So wie ich sehe hast du am Sonntag doch noch etwas mehr Zeit gehabt als im am Samstag. Hat sich für dich also auch gelohnt.
Ich habe mich auch kurz ins Getümmel gewagt, jedoch hatte ich nur 40 Minuten Zeit. Hat sich aber trotzdem auch für mich gelohnt, habe unterdessen meine 3. CH WW2 Gasmaske gefunden.
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Beitragvon Tech am Mo 3. Nov 2008, 18:34

Ich sehe schon; bei so vielen Messen und Veranstaltungen zu historischen Themen in Basel kommen die übrigen Schweizer zu nix ;-)

@troupier
Wirklich ein interessantes Thema, das Du da aufgegriffen hast. Ich denke mal dass es vielen unbekannt ist, welchen technologisch schwierigen Weg die heutige Photografie hinter sich hat.

Kompliment & Gruss,
Tech
Zuletzt geändert von Tech am Fr 28. Dez 2012, 18:23, insgesamt 1-mal geändert.

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Beitragvon Traingelo am Di 4. Nov 2008, 08:29

@troupier
Gratulation zum schönen Fund. Wenn Du lange Freude an den Daguerreotypien haben willst, dann schütze sie vor Tageslicht, dieses lässt sie mit der Zeit verblasen und sogar verschwinden - also immer wieder schön versorgen!
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