Vom Vorteil der Verlierer und der Verlorenen

Allgemeines über die lebendige Geschichte.

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Vom Vorteil der Verlierer und der Verlorenen

Beitragvon Seegras am Fr 4. Mai 2012, 10:43

Die Gewinner schreiben zwar die Geschichte, aber die Verlierer hinterlassen die Funde.

Für die historische Darstellung ist es durchaus sinnvoll die "Verlierer" auszuwählen. Die Partei die auf den Deckel gekriegt hat, Völker und Kulturen die untergegangen sind, Bürger aus Städten und Orten die es nicht mehr gibt.

Bei Funden oder Bilddokumenten ist es bei den Verlierern viel klarer dass die Dokumente oder Funde auch wirklich in die dargestellte Zeit passen. Es gibt nach den Burgunderkriegen lange Zeit keine Funde oder Bilder die Burgunder nach 1476 darstellen. Ein burgundisches Geschütz aus dem Spätmittelalter ist eben maximal von 1476, und nicht 5 Jahre später. Eine Fotografie auf deren Sujet Dinge eine "CSA" Aufschrift tragen lässt eine klare Datierung zu: Diese Dinge wurden spätestens 1865 produziert.

Nicht nur die zeitliche Einordnung ist besser, auch die Funde generell. Eine Stadt die im Mittelalter aufgegeben wurde weil der Hafen versandet ist wurde nicht 500 Jahre lang überbaut, bis nichts mehr mittelalterliches zu finden ist (Und tatsächlich habens deshalb in England eine Strasse aus dem Spätmittelalter ausgegraben -- ein extrem rarer Fund, der unsere Vorstellung mittelalterlicher Strassen umgekrempelt hat: Sie sind viel besser als man gedacht hat; nicht so gut wie die der Römer, aber viel besser und verbreiteter als angenommen). Oder der Untergang eines Mississippi-Dampfers, bei dem zwar die Passagiere davonkamen, aber all ihr Gepäck unterging -- und nun ausgegraben wurde -- lässt heute extrem gute Rückschlüsse auf diese Leute und ihre Lebensweise zu. Und Pompeii oder die Mary Rose müssen wir gar nicht erst erwähnen.

Wenn wirs genau betrachten wissen wir von den Erfolgreichen viel weniger. Wir haben nur die Dinge die sie in der Geschichtsschreibung hinterlassen; und irgendwann hatten wir noch das was sie den Erben hinterlassen haben, bis die Nachfahren diese Dinger kaputtgemacht (oder umgebaut) haben: Bronzeglocken zu Kanonen, und Bronzekanonen zu Munitionshülsen. Schwerter zu Dolchen, Dolche zu Pflugscharen, Pflugscharen zu Eisenzäunen, Eisenzäune zu Panzern. Kleider ausgetragen und dann zu Papier verarbeitet; Falchions als Gertel benutzt bis sie Alteisen waren.

Tatsächlich dürfte der Grossteil aller Kleider seit dem Spätmittelalter irgendwann zu Papier verarbeitet worden sein; und der Grossteil aller Gegenstände aus Bronze, Kupfer, Zinn oder Messing wurde irgendwann in den Weltkriegen zu Munitionshülsen. Vielen eisernen Dingen ging es auch nicht besser, die wurden in den Weltkriegen zu Panzern oder Schiffen. Die meisten hölzernen Gegenstände wurden irgendwann zum Kochen oder Heizen verbrannt. Was bleibt ist Keramik und Glas in Müllhalden, und eben das was verloren ging.

Wenn ihr also an einer historischen Darstellung arbeitet, denkt an die, und dankt den, Verlierern ;)
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Re: Vom Vorteil der Verlierer und der Verlorenen

Beitragvon aemkey am So 6. Mai 2012, 12:46

...sprach der Burgunder.
Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe. (Keilschrifttext aus Ur um 2000 v. Chr.)
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Re: Vom Vorteil der Verlierer und der Verlorenen

Beitragvon Seegras am So 6. Mai 2012, 17:27

aemkey hat geschrieben:...sprach der Burgunder.

Da mach ich auch noch Nürnberger und die Oberteutsche Eidgenossenschaft, Gewinner also. Dito die Royal Navy.

Aber ich mach noch eine weitere Verliererpartei:
http://www.flickr.com/photos/61970198@N ... 9934379355
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Re: Vom Vorteil der Verlierer und der Verlorenen

Beitragvon Napoleon am So 6. Mai 2012, 18:49

Danke für den guten Beitrag. Hat schon was. Nur was stelle ich dar, was verloren hat???
Okay, jede Einheit hat mal verloren, nur ist das nicht ganz was du meinst.....
Jeder Erfolg, den man erzielt, schafft uns einen Feind. Man muß mittelmäßig sein, wenn man beliebt sein will.
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Re: Vom Vorteil der Verlierer und der Verlorenen

Beitragvon Maja am So 6. Mai 2012, 20:46

Napoleon hat geschrieben:Danke für den guten Beitrag. Hat schon was. Nur was stelle ich dar, was verloren hat???
Okay, jede Einheit hat mal verloren, nur ist das nicht ganz was du meinst.....

Da kommt mir der gute alte "Zorba the Greek" in den Sinn: da geht am Ende auch alles in die Hose - aber wie! Ein "ehrenvoller" Untergang setzt ja einen guten Verlierer voraus, und dazu braucht's Charakterstärke!
Bedenke wohl, um was du die Götter bittest - sie könnten es dir gewähren!
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Re: Vom Vorteil der Verlierer und der Verlorenen

Beitragvon troupier suisse am So 6. Mai 2012, 22:06

Ich glaube da wurde der Nagel auf den Kopf getroffen. Verlieren hie und da genügt nicht um Spuren zu hinterlassen. Es muss ein wahrhaftiger Untergang sein, mit Kapitulation à la Appomattox und den Fahnen im Staub.
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Re: Vom Vorteil der Verlierer und der Verlorenen

Beitragvon Seegras am Mo 7. Mai 2012, 07:18

Oder ich hab hier einen Katalog "Alt-Eschenbach". Die Siedlung wurde 1309 zerstört und nie wieder aufgebaut, entsprechend gut ist die Archäologie. Für wen immer da Hochmittelalter darstellen will ist das also vermutlich eine gute Wahl...
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Re: Vom Vorteil der Verlierer und der Verlorenen

Beitragvon cantarella am Mo 7. Mai 2012, 08:28

Ein toller Text, Seegras! :smt020

Meine WH-DRK-Helferin-Darstellung ist auch so ein Fall...
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Re: Vom Vorteil der Verlierer und der Verlorenen

Beitragvon martin am Mo 7. Mai 2012, 08:37

Seegras hat geschrieben:Oder ich hab hier einen Katalog "Alt-Eschenbach". Die Siedlung wurde 1309 zerstört und nie wieder aufgebaut, entsprechend gut ist die Archäologie. Für wen immer da Hochmittelalter darstellen will ist das also vermutlich eine gute Wahl...

:smt041 Na, da fühl ich mich doch glatt angesprochen.

Könntest Du mehr Infos zu dem Katalog geben? Voller Titel, Verfasser, ISBN?
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Re: Vom Vorteil der Verlierer und der Verlorenen

Beitragvon Seegras am Mi 9. Mai 2012, 10:32

Alt-Eschenbach
Eine Spätmittelalterliche Stadtwüstung
Archäologische Schriften Luzern 3.1995
Judith Rickenbach
Kantonsarchäologie Luzern
Kantonaler Lehrmittelverlag Luzern, ISBN 3-271-10017-9

(für frühe Datierungen von "Spätmittelalter" ;)))
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