Traurige Weihnachtsgeschichte um eine Armeehose

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Traurige Weihnachtsgeschichte um eine Armeehose

Beitragvon troupier suisse am Fr 23. Dez 2011, 12:12

Traurige Weihnachtsgeschichte um eine Armeehose

Aufmerksame Forengänger haben mitgekriegt, dass ich meine ganze WW2 US-Sammlung liquidiert habe. Alles ist en bloc weggegangen, bis auf eine Hose "Trousers, Field, Wool, Serge". Als ich für das Verkaufsangebot auf dem Forum Informationen zu jeder einzelnen Artikelbeschreibung sammelte, stiess ich auf die persönlichen Daten des ehemaligen Besitzers. Im Futter der Hose war der Name "Doug Scudder" und seine Martrikelnummer eingetragen.

Bild

Eher beiläufig neugierig googelte ich Name und Nummer, vielleicht spuckte das Internet ja was dazu aus. Ich kam auf eine Seite mit Daten der Military Archives Records von Armeeangehörigen aus Otsego County im US Bundesstaat New York. Dort fand sich unter dieser Nummer "Scudder, Douglas J." aus dem Staat New York, der sich am 25. November 1945 bei der Army Air Force eingeschrieben hatte und dort den Rang eines Private First Class bekleidete.

Das war doch erstaunlich befriedigend, denn plötzlich wusste ich mehr zu dem Mann dem diese Hose gehört hatte, die ich 1989 in Paris gekauft hatte. Douglas wurde offenbar 1925 geboren und hatte den Krieg selbst nicht als Armeeangehöriger erleben müssen. Japan und Deutschland waren bereits besiegt, als er seine Ausbildung bei der Army Air Force in Kalifonien absolvierte. Nun hatte ich einen vollen Namen, einen Herkunftsort und eine militärische Zuteilung.

Fröhlich googlete ich weiter, und wenig später kamen immer mehr Details an den Tag. Auf der Website der Zeitung Daily Star entdeckte ich in Beiträgen aus dem Archiv und weiteres bei alten Ausgaben der Zeitung The Otsego Famer. Zusammen kam eine ganze Geschichte. Raymond H. Wood, der 19 Jahre alt war und zu Weihnachten 1945 die Familie seines Militärkameraden Douglas Scudder in Oneonta im Bundesstaat New York besucht hat. Beide taten Dienst im Army Air Corps.

Heiligabend im Hause Scudder

Im Haus der Scudders bereitete die Mutter Elizabeth Scudder am 24. Dezember die Weihnachtsfeier vor. Wood kannte auch den ebenfalls anwesenden 18jährigen Raymond H. Scudder. Die beiden Scudder-Brüder und Wood waren schon lange Freunde und kannten sich von der High School her. Als Buben hatten sie zusammen Flugzeugmodelle gebaut. Offenbar hatte sie ihr Interesse an der Luftfahrt ins Army Air Corps geführt.

Über die Angaben in der Hose war ich mitten in eine Weihnachtsgeschichte geraten. Diese nahm plötzlich eine unerwartete Wendung, als Wood einen Revolver Kaliber .38 aus der Hosentasche zog und ihn auf Douglas und Raymond richtete. Als dann vier Freunde an der Haustür standen trat ihnen Wood entgegen und fragte "Was wollt ihr hier!", um dann einen der Besucher ins Haus zu zerren. Die jungen Leute wurden ins Wohnzimmer getrieben.

Wood Gesicht sei aschfahl geworden und Tränen seinen ihm über die Wangen geflossen. Er brach in hysterisches Lachen aus und murmelte immer wieder "Ich habe nur noch sechs Monate zu leben, und zwei davon sind schon vorbei." Niemand wusste was er meinte. Wood richtete die Waffe auf diejenigen die ihm am nächsten standen, ging im Zimmer umher, drehte an der Trommel seines Revolvers. Dann gelang einigen Gästen die Flucht.

Tragödie vor dem Weihnachtsbaum

Sie flohen durch den Hintereingang aus dem Haus, und Wood blieb überraschend reaktionslos. Als Wood seinen Revolver gegen Raymond Scudders Kopf hielt, bat Elizabeth Scudder ihren anderen Sohn Douglas, er solle Wood bitten die Waffe wegzulegen da sie Angst habe. Douglas trat zu Wood und bat ihn "Bitte richte die Waffen nicht auf meinen Bruder. Was meinst du dazu?" Wortlos schoss Wood daraufhin Douglas Scudder vor dem Weihnachtsbaum nieder.

Douglas der auf Urlaub war und noch seine Uniform trug, war sofort tot. Elizabeth Scudder rannte zu ihrem zusammengesunkenen Sohn und schrie Wood an "Du hast ihn umgebracht? Du hast ihn umgebracht!". Wood richtete seine Waffe auf sie und schoss auch auf die Mutter. Sie starb zwei Tage darauf im Fox Memorial Hospital von Oneonta an ihren Verletzungen. Raymond Scudder versucht die Polizei anzurufen.

Er erreichte nur die Vermittlung und liess dann den Hörer fallen um zu fliehen. Wood war hinter ihm her, schoss ihn nieder und schlug dann mit dem Revolvergriff auf ihn ein. Die Vermittlung hörte Raymonds Hilferufe und alamierte die Polizei. Am Weihnachtstag war der Mannschaftsbestand kleiner als sonst. Dennoch war nach kurzer Zeit Polizeisergeant Frank Golding am Ort des Geschehens, begleitet von zwei Feuerwehrmännern die mithalfen.

Festnahme des Täters

Golding traf den bewaffneten Wood im Garten an und wurde sofort von im bedroht. Der Sergeant forderte ihn auf die Waffe fallen zulassen, was Wood nicht tat. Daraufhin feuerte Golding einen Schuss aus seiner Dienstwaffe ab, und streifte Woods Rücken, der den Revolver (der sich als leergeschossen herausstellte) fallenliess und sich ergab. Als die beiden Feuerwehrmänner ihn ergriffen, wehrte sich Wood nochmals.

Feuerwehrmann Martin Charles Martindale musste Wood mit einem Polizeischlagstock niederstrecken, damit die Festnahme durchgeführt werden konnte. Der Verhaftete wurde auf das Polizeirevier, und später in eine psychiatrische Klinik gebracht. Erst nach langer Therapie konnte er im September 1960 für verhandlungsfähig erklärt und vor Gericht gebracht werden. Arthur Scudder, der Vater der getöteten Brüder schlief während der Tat.

Er war Schichtarbeiter in Syracuse und war am frühen Morgen heimgekommen. Als er geweckt wurde, waren seine beiden Söhne tot und seine Frau lag im Sterben. Bei der Beerdigung sagte er an die Adresse der Eltern des Täters: "I fühle wie sie sich fühlen müssen... sie sind Eltern und tragen keine Schuld an dem was geschehen ist." Pearley Wood meinte dazu "Ich habe tiefes Mitgefühl für Mr. Scudder. Wir werden frenudschaftlich verbunden bleiben."


Noch nie waren mir Suchmaschinenresultate derart unter die Haut gegangen. Ich beschloss die Hose von Douglas Scudder zu behalten. Es war schon immer eine Neigung von mir, zu wissen welche Geschichte hinter einem einzelnen historischen Objekt steht. Manchmal kommen dann auch solche Geschichten zum Vorschein.
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Re: Traurige Weihnachtsgeschichte um eine Armeehose

Beitragvon cantarella am Fr 23. Dez 2011, 12:27

*hat Gänsehaut und ist grad etwas sprachlos*
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Re: Traurige Weihnachtsgeschichte um eine Armeehose

Beitragvon troupier suisse am Fr 23. Dez 2011, 12:58

Nicht grad was man auf Weihnachten hören möchte. Mich hat's deprimiert.

Hier noch die Referenzlinks

Wo ich auf Nummer und Einteilung von Douglas stiess:
http://files.usgwarchives.net/ny/otsego ... 263gmt.txt

Wo ich die Zeitungsmeldung fand:
http://old.thedailystar.com/opinion/col ... n1215.html

Zeitungsberichte aus dem The Otsego Famer fand ich als pdf-Dokumente auf dieser Website:
http://fultonhistory.com/Fulton.html
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Re: Traurige Weihnachtsgeschichte um eine Armeehose

Beitragvon Carolus am Sa 24. Dez 2011, 00:13

ach du ...
Auf der einen Seite aufregend weil keine 08/15 Geschichte und auf der anderen, "etwas sehr" verstörend...
"Praeter speciem stultus est"

-Titus Maccius Plautus
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Re: Traurige Weihnachtsgeschichte um eine Armeehose

Beitragvon Hagelhans am Sa 24. Dez 2011, 14:32

Weihnachten feiern wir Jahr für Jahr. Aber realistisch betrachtet, sind wir trotzdem immer auf der Stufe von Kain und Abel.
"Wir sind alle Anerkennungsjunkies - Affen in Anzügen, die um Applaus betteln." -Jake Green.
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Re: Traurige Weihnachtsgeschichte um eine Armeehose

Beitragvon Hitomi am Di 27. Dez 2011, 12:28

Wie traurig. Und welch seltsame Wege Gegenstände und Geschichten nehmen.
Das Publikum hat ein Recht darauf, nicht angeschmiert zu werden, auch wenn es darauf besteht, angeschmiert zu werden.
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Re: Traurige Weihnachtsgeschichte um eine Armeehose

Beitragvon panzerschreck am Mo 2. Jan 2012, 11:21

Bin einfach sprachlos...
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