Alpenfestung - das Leben im Reduit

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Moderator: Napoleon

Beitragvon troupier suisse am Mi 12. Aug 2009, 07:54

Ich habe beim Kommandanten ein merkwürdiges Gefühl. Gegenüber seinen Offizieren hat er schon wiederholt harte Worte fallen lassen, wobei ich nicht nachvollziehen kann wieso er gegen Fluri vor der Kamera so vom Leder ziehen musste. Fluri ist ein harter Hund und als solcher mag ihn naturgemäss keiner. Aber er hat die Rolle eines subalternen Offiziers mit allen Kanten ausfüllen können und hätte jene Disziplin einbringen können die dem Experiment den authentischen Touch gegeben hätte. Aber aus unbekannten Gründen tritt Fluri kaum noch auf, scheint regelrecht vom Bildschirm verbannt zu sein.

Hingegen hat es den Anschein, als sei der Kommandant sehr um das Wohlwollen der Truppe bemüht wie ein gewählter Colonel eines amerikanischen Freiwilligenregiments 1861. Das beginnt schon beim Bierausschank am ersten Tag. Fasst er seine Offiziere hart an, ist diese harte Hand bei der Truppe weniger spürbar. Es fordert niemand, dass er seine Leute schleift bis die am Rande eines Nervenzusammenbruchs stehen. Und ich bin überzeugt, dass die Truppe nach bestem Gewissen tut was man ihr aufträgt. Aber wenn die Truppe am falschen Ort geschont wird, dann leidet darunter das Gesamtbild.

Man sieht und spürt die niederen Offiziere viel zu wenig, und dafür unrealistischerweise ständig den Kommandanten, der sich um Dinge kümmert die ins Fachgebiet seiner Untergebenen gehören würden.

Der Hauptmann ist in den letzten Folgen quasi omnipräsent und vermittelt auch den Eindruck dass er überall das Sagen hat. Wenn dem so sein sollte, dann hätte er auf dem anstrengenden Marsch einfach häufigere Pausen einlegen lassen können, anstatt zuzulassen oder gar anzuordnen dass die Leute ihre Feldblusen ausziehen und über den Tornister hängen. Und dann die "Wache" gestern. Klar waren die zwei Mann auf Wache bemitleidenswert, wenn alle anderen Baden gehen. Aber ihnen zu erlauben im lockeren Tenü in einem Bretterschlag zu sitzen hat nichts mit Wache zu tun.

Der Kommentar sagte aus, dass die beiden auf Wache seien, und wenn man auf Wache war wurde der Stahlhelm getragen und die Waffe war angehängt, unter dem Arm oder bei einer Schildwache auch mal geschultert. Wenn zwei Mann flaxend mit der Policemütze anstatt Helm auf dem Kopf in einem Bretterschlag sitzen, die Karabiner neben sich an die Wand gelehnt, sieht das eher nach Ruhepause aber nicht nach Wache aus. Die Wache ist für die Sicherheit zuständig. Nachlässigkeit auf Wache wurde im Aktivdienst streng bestraft. Der Kommandant hätte die beiden lieber auch Baden schicken sollen, und so diese Szene vermieden die ohne Zweifel jeden Aktivdienstveteranen ärgerte.

Generell wäre es besser gewesen, viele Dinge lieber weg zu lassen als sie halbherzig durchzuziehen. Wie gesagt, drängt sich mir der Eindruck auf, dass der Kommandant, der offenkundig bemüht ist überall zugegen zu sein, seine Rolle und die Finessen des Aktivdienstes nicht wirklich verinnerlicht hat. Stattdessen scheint er darum bemüht dass ihm die Truppe gewogen bleibt und erspart ihr alles was als zu belastend erscheint, und verwässert das gesamte Experiment.

Vielleicht ist es für ein Fazit schon zu früh, aber ich fand das Projekt durchaus interessant. Auch wenn es viele Mängel hatte, konnte den Leuten vor dem Fernseher vieles vermittelt werden was nicht in Geschichtsbüchern steht. Man hat in Farbe und mit lebendigen Menschen etwas gesehen, das man bisher nur als Erzählungen der Grosselterngeneration kannte. Auch wenn der Eindruck unvollständig und zuweilen irreführend war, war es für die breite Bevölkerung eine gute Inspiration um über diese Zeit nachzudenken.

Mir drängte sich der Eindruck auf, als habe man nicht alle Dinge bedacht und sei in einigen Punkten schlicht von der Realität des Geschehens überrascht worden. In Folge dessen ist man vermutlich die Geister die man gerufen hat nicht mehr los geworden. Die ganze Sache hätte besser nur 10 Tage gedauert, und wäre dafür konsequent geführt worden. Aber schon nur die Tatsache, dass eine öffentliche Diskussion zum Thema aufgekommen ist, hat dazu beigetragen zusätzliche Aspekte ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, die bislang kaum gewürdigt wurden. Man muss bei der Festungsbesatzung würdigen, dass die Männer sich für mehrere Wochen darauf eingelassen haben.

Man darf der Truppe nicht Nachlässigkeiten in Details anlasten, die in die Verantwortung des Kader fallen. Und wenn ich schon vom Kader spreche, so ist dieses auf dem Bauernhof mit der Bäuerin kompetenter und führungsstärker aufgetreten als in der Festung. Die Bäuerin hatte nicht den Drang, ständig prominent aufzutreten wie der Kommandant, ist aber dennoch überall zu spüren. Diese Frau hat natürliche Autorität und spielt keine Rolle sondern lebt sie. Mir hat je länger je mehr der Bauernhof gefallen, wo ich den Eindruck hatte dass man insgesamt besser mit der Situation zurecht kam als in der Festung.
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Beitragvon dustoff am Mi 12. Aug 2009, 11:16

Was auf dem Hof läuft ist wirklich gut. Aber der militärische Teil gefällt mir immer weniger. :-k
Gruss
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Beitragvon Napoleon am Mi 12. Aug 2009, 14:27

Spike Lee hat geschrieben:that's not history - that's hollywood
Jeder Erfolg, den man erzielt, schafft uns einen Feind. Man muß mittelmäßig sein, wenn man beliebt sein will.
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Beitragvon troupier suisse am Mi 12. Aug 2009, 15:08

Soll seine Standartantwort gewesen sein, wenn jemand sachliche Details in seinem Werk "Miracle at Santa Anna" kritisierte, wie etwa der wunderliche Umstand dass die SS in Paradeformation und proper uniformiert ins Dorf zum Blutbad zieht, als ginge es zu einer Wehrschau an den Parteitag in Nürnberg oder die 8,8 Geschütze im grauen Polenfeldzuganstrich, die in Italien eigentlich sandfarben hätten sein müssen.
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Beitragvon gijoe am Mi 12. Aug 2009, 18:39

Ich fand heute sehr gut dass das Fernsehen Kritik von Zeitzeugen zuliess .
Unter anderem wurde das Thema Teneuerleichterung angesprochen.
Auch wenn es weit besser umgesetzte Living History Projekte im Ausland gibt, hat mir die Sendung gefallen.
Den Soldaten kann ich nur sagen gute Arbeit. Ihr habt mehr durchgemacht als die meisten Reenactoren zu leisten bereit sind und das freiwillig.
Nur zu oft ist bei uns Reenactoren der Ruf Hollywoods verlockender als die Geschichte
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Beitragvon troupier suisse am Mi 12. Aug 2009, 21:00

Der Einsatz der Truppe auf dem Hof war heute einmal etwas das man gerne sah. Der halbzivile Rahmen liess die unkorrekten Details die bei anderen Aktivitäten eher auffielen nicht so prominent auftreten. Die Arbeit, die Verpflegung und die Freizeit boten einen guten Rahmen. Natürlich lag mir das Essen aus der Kochkiste besonders, so wie wir es von Rost & Grünspan in Full praktiziert wird.

Bild

Auch muss ich GIjoe zustimmen, wenn er das Wagnis von SF lobt Zeitzeugen und ihre Kritik zuzulassen. Gerade der Veteran bestätigte mit seiner Aussage die unrealistische Tenüerleichterung. Wie er festhielt, war das öffenen des Kragens und der oberen Knöpfe das Äusserste. Ein Foto aus dem Archiv von Rost & Grünspan zeigt eine Marschkolonne im Hochsommer.

Bild
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Beitragvon Desmond am Mi 12. Aug 2009, 22:09

troupier suisse hat geschrieben:Auch muss ich GIjoe zustimmen, wenn er das Wagnis von SF lobt Zeitzeugen und ihre Kritik zuzulassen. Gerade der Veteran bestätigte mit seiner Aussage die unrealistische Tenüerleichterung.

Die schönste Aussage des Zeitzeugen war nach meiner Auffassung: "Mir si ja im Fernseh u nid im Militär." Ich denke damit hat er den Nagel auf den Kopf getroffen. :-)
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Beitragvon Napoleon am Do 13. Aug 2009, 06:51

Lustigeweise habe ich ca. dreieinhalb Stunden vor der Sendung etwa den ähnlichen Satz ins Forum gestellt.
Jeder Erfolg, den man erzielt, schafft uns einen Feind. Man muß mittelmäßig sein, wenn man beliebt sein will.
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Beitragvon dustoff am Do 13. Aug 2009, 11:04

troupier suisse hat geschrieben:... oder die 8,8 Geschütze im grauen Polenfeldzuganstrich, die in Italien eigentlich sandfarben hätten sein müssen.


Eine Neubemalung der 8.8 aus dem Museum in Full war leider nicht möglich. :smt002
Gruss
Danielle


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Beitragvon panzerschreck am Do 13. Aug 2009, 11:36

Napoleon hat geschrieben:
Spike Lee hat geschrieben:that's not history - that's hollywood


Kleine korrektur ..hat uns immer gesagt: Es ist ein Film und nicht ein Dokumentar. :smt002
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